Sanitätswesen Deutsches Reich 1914-1918 Verwundete , Abtransport


 Kranken- und Verwundeten-Transport

 

Wie war eigentlich der Ablauf nach einer Verwundung ?

 

Je nachdem, wann, wo und wie jemand verletzt wurde, variiert dieser Vorgang.

Daher beschreibe ich nachfolgend einige (nicht verbindliche) Beispiele.

 

Grundsätzlich wurde erst einmal nach Leicht- und Schwerverletzten unterschieden.

Dann spielt eine wesentliche Rolle, welche Arten von Einrichtungen zur Verfügung standen.

Außerdem: Wurde die Person an der Ost- oder Westfront verwundet ?

Und es ist zu bedenken, ob es sich um einen Bewegungs- oder Stellungskrieg  handelte.

 

Beispiele:

 

Leichtverletzte konnten sich meistens noch selbst aus der Gefahrenzone retten und gelangten zu Fuß zu einem Verwundetennest, Sanitätsunterstand, Truppenverbandsplatz oder ähnlichem.

Von hier wurden sie zu Leichtverwundeten-Sammelplätzen geschickt, wo sie durch eine Sanitätskompanie oder ein Feldlazarett behandelt wurden.

Je nach Schwere der Verletzung hat man die Soldaten dort mehr oder weniger lange versorgt, bis sie entweder zurück zur Truppe entlassen oder noch weiter zurück in ein Etappenlazarett geschickt  wurden.

Hierfür standen dann Transportmittel, wie unten bei den Schwerverletzten genannt, zur Verfügung.

 

Schwerverletzte waren naturgemäß schwieriger zu befördern.

Die Krankenträger der Sanitätskompanien suchten auf dem Gefechtsfeld die Verwundeten und brachten sie zu Verwundetennestern, Sanitätsunterständen oder Truppenverbandsplätzen.

Dies geschah mit Krankentragen, in zusammengebundenen Zeltbahnen oder auf einachsigen Krankentransportkarren.

 

Im Stellungskrieg wurden speziell für die verwinkelten Laufgräben so genannte Tragestühle und Rückensitztragen entwickelt.

Von den "Nestern", Unterständen oder Truppenverbandsplätzen wurden die Verletzten (mit Pferd und Wagen) zu so genannten Wagenhalteplätzen gebracht , um von dort mit Krankenkraftwagen zu Hauptverbandsplätzen befördert zu werden.

 

Sobald ein Verwundeter "fahrfähig" war, transportierte man ihn noch weiter fort vom Kampfgeschehen, z.B. in ein Feldlazarett.

Die darauf folgende Station war dann möglicherweise ein Kriegslazarett oder ein Etappenlazarett.

Hierfür standen Lastkraftwagen mit Pritsche oder Krankenkraftwagen zur Verfügung.

 

Für größere Entfernungen wurden Eisenbahnen genutzt.

Die Rückführung in Heimatlazarette erfolgte meistens per Eisenbahn.

Lediglich in den Jahren 1914 und 1915 wurden Lazarett- und Krankenschiffe in nennenswerterem Umfang verwendet.

 

Eine Besonderheit stellt der Abtransport vom Gefechtsfeld während des Stellungskrieges bei Binarville/ Frankreich dar.

Hier errichtete man eine Förderbahn, die eigentlich der Beförderung von Kriegsmaterial (Pferdebetrieb) diente, aber auch zum Krankentransport genutzt wurde.

Krankenträger der Sanitätskompanien mussten spezielle, umgebaute Rollwagen von Hand schieben.

An Eisengestellen waren Spiralfedern montiert, woran jeweils zwei Krankentragen gehängt, bzw. aufgelegt werden konnten.

Diese Förderbahn war an den Endbahnhof einer dampfbetriebenen Kleinbahn angeschlossen, auf welcher die Verwundeten direkt bis zum Feld-Lazarett gefahren werden konnten.

 

In den Vogesen setzte man unter anderem Drahtseilbahnen zum Transport der Verwundeten vom Hauptverbandsplatz Richtung Feldlazarett ein.

Diese Art der Verwundeten-Beförderung war schneller und kostengünstiger, als mit Krankenträgern oder Pferd und Wagen.

 

Ich habe eine Grafik der möglichen Sanitätseinrichtungen und Verwundeten-Transportwege von der Frontlinie bis zum Feldlazarett angefertigt.

Ein Vorschaubild ist weiter unten zu sehen.

Um das Schema genau zu erkennen, klicken Sie einfach auf den Button "Transportwege" und laden Sie das Bild als PDF-Datei herunter.

 


"Meyer´s"

 

Sind sie an weiteren Fakten zum Sanitätswesen interessiert ?

Viele Fragen lassen sich bereits mithilfe des Internets beantworten.

Neben Beiträgen auf verschiedenen Internetseiten gibt es auch eine zeitgenössische Quelle:

 

Das historische "Meyer´s Konversationslexikon" von 1885 beschreibt auf mehreren Seiten dieses Thema.

Es bezieht sich zwar auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Aber im wesentlichen sind die darin aufgeführten Inhalte auch noch für die Zeit von 1914 bis 1918 und danach gültig gewesen, wodurch viele Verständnis-Fragen online geklärt werden können.

 

Folgender Link führt sie direkt auf eine entsprechende Internetseite: Klicken Sie bitte hier.

 


Jurazischki

 

An dieser Stelle möchte ich eine Situation aus dem Jahr 1915 schildern.
Ich habe die in diesem Artikel genannte Landschaft gewählt, um aufzuzeigen, daß das deutsche Sanitätswesen selbst in den abgelegenen Frontabschnitten gut organisiert war.

Um meine Schilderung verfolgen zu können, empfehle ich den vorherigen Download einer Grafik.

Sie können diese kostenfrei herunterladen, indem Sie am Ende des Artikels auf die Vorschau-Grafik klicken.

__________

1915
Nachdem die so genannte Sommer-Offensive an der Ostfront zum Stillstand gekommen war, bereiteten sich die deutschen Einheiten für den zu erwartenden Stellungskrieg vor.
Unterkünfte und Wege wurden angelegt und im Laufe der Zeit immer besser ausgebaut.
So wurden auch in Schilwi-Bor Verbindestellen und Unterstände eingerichtet.

Schilwi-Bor ?
Wo ist das denn, werden die meisten Leser jetzt fragen.
Schilwi-Bor war eine Häuseransammlung nordöstlich von Lida im heutigen Weissrussland (Belarus).
Nur ein paar wenige Hütten und ein Waldwärterhaus.
Rundum von Wald umgeben, mit sumpfigen Wiesen, welche von den Bächen "Czapunka", "Dunaj", "Eber", "Gast", "Olschanka", "Prudez", "Tschernitza", "Wildbach" und dem Fluß "Beresina" durchfeuchtet werden.
Eigentlich ein ruhiges und naturbelassenes Stückchen Erde.

Doch auch hierhin kommt der Krieg und am 25.09.1915 endet direkt in Schilwi-Bor auch die Sommeroffensive der deutschen Truppen.
Das Landwehr-Infanterie-Regiment 84 (LIR 84) ist bis in diese abgelegene Gegend vorgedrungen und hat die russischen Einheiten hinter die Olschanka zurück gedrängt.
Der besetzte Abschnitt umfasst den Bereich östlich Wengeljanka im Norden bis an den Prudez-Bach im Süden.
Gast-Bach und Olschanka bilden von jetzt an die Frontlinie.
Bis auf kleinere Schießereien finden jedoch nur wenige Auseinandersetzungen statt.

Krankentransport:
Aus vorgenanntem Grund müssen auch nur wenige Verwundete über die "Tschernitza" nach Girduschki zum Wagenhalteplatz gebracht werden.
Von dort geht es weiter über Tokarischki (Zwischenstelle) nach Jurazischki, wo bereits am 25.09.1915 ein Hauptverbandsplatz eingerichtet ist.
Soldaten des LIR 84, die in einem Feldlazarett weiter behandelt werden müssen, kommen nach Lipnischki in das Feldlazarett Nr. 6.
Dieser Ort liegt ca. 20km westlich von Jurazischki entfernt jenseits der Bahnlinie nach Lida.
Die nächste Krankenstation ist zu diesem Zeitpunkt dann das Kriegslazarett Nr. 1 in Grodno, also ganze 140km weiter westlich von Lipnischki.
Nur bis zu diesen Knotenpunkten konnten die Etappen-Sanitätseinheiten den vorstürmenden Truppen folgen.
Wie man sieht, waren die Entfernungen zwischen den einzelnen Sanitätseinrichtungen zu diesem Zeitpunkt recht groß.

Zurück zu Schilwi-Bor:
Das LIR 84 verläßt Schilwi-Bor am 03.10.1915 und das LIR 61 übernimmt diese Stellung.

Im Laufe der folgenden Wochen und Monate werden die Verbindungswege immer besser ausgebaut.
Über die "Tschernitza" wird die Querung verbreitert und erhält den Namen "Goethe-Brücke"..
Gleich daneben entsteht der "Battre-Damm".
In Girduschki wird der Wagenhalteplatz befestigt und später auch eine Schleife für die neue Feldbahn gebaut.
Diese Feldbahn fährt dann über Tokarischki nach Jurazischki und weiter bis zur Bahnstation Jurazischki.
Die schnelle Verbindung zur Bahnlinie nach Lida ist damit erreicht.
An der Bahnstation Jurazischki endet auch ein Feldbahn-Ableger vom Hauptverbandsplatz in Sawitsche.

Meine Grafik zeigt die Situation auf Basis eines Kartenausschnittes aus dem Jahr 1916.